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Mauerfall

9. November 1989

Die friedliche Revolution des Jahres 1989 begann nicht erst im Herbst. Schon ab Jahresanfang hielt eine Vielzahl oppositioneller Aktivitäten die SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, Polizei und Staatssicherheit in Atem. So versammelten sich am 15. Januar 1989 etwa 500 Bürger auf dem Marktplatz in Leipzig und forderten Meinungs-, Versammlungs- und Pressefreiheit. Nach einer kurzen Rede zogen sie durch die Innenstadt. Die Polizei löste den Zug auf, 53 Menschen wurden „zugeführt“, wie kurzzeitige Verhaftungen im DDR-Amtsdeutsch hießen. Ausgelöst hatten diese erste, nicht genehmigte Demonstration der achtziger Jahre Flugblätter einer „Initiative zur demokratischen Erneuerung der Gesellschaft“. Die Mitglieder verschiedener Leipziger Basisgruppen waren beim Verteilen der Exemplare beobachtet und verraten worden. Die Staatssicherheit verhaftete sie umgehend.

In den nächsten Monaten besuchten immer mehr Menschen die montäglichen Friedensgebete in der Nikolaikirche, protestierten öffentlich gegen Umwelt-verschmutzung, kulturelle Bevormundung oder die blutige Niederschlagung der Studentenproteste in China. Bei der Kommunalwahl am 7. Mai 1989 gelang es an verschiedenen Orten erstmals, die Wahlfälschung der SED nachzuweisen. Danach distanzierten sich auch viele, die bis dahin loyal zur SED gestanden hatten, vom System. Gleichzeitig verließen Zehntausende das Land in Richtung Westen. Auch diese Ausreiser sind ein wesentlicher, wenn nicht gar der wirksamste Teil der Oppositionsbewegung gewesen. Ende September eskalierten die Auseinandersetzungen, als Erich Honecker nach langer Krankheit den Dienst wieder aufnahm. In Dresden ging die Polizei ab dem 3. Oktober 1989 gewaltsam gegen Ausreiser vor, die auf die Züge aufspringen wollten, die mit den Botschaftsflüchtlingen aus der Tschechoslowakei gen Westen fuhren. Nachdem die Volkspolizei am Vortag erstmals mit Sonderausrüstung gegen die Montags-demonstranten in Leipzig vorgegangen war, kam in Dresden zusätzlich die Nationale Volksarmee zum Einsatz.

Am 7. Oktober 1989, dem 40. Jahrestag der DDR, spitzte sich die Situation auch in Berlin, Plauen und anderen Städten dramatisch zu. Obwohl mehr als 8.000 Sicherheitskräfte in der Stadt zusammengezogen worden waren, wagten sich mindestens 70.000 Demonstranten auf die Straße, um gegen das Regime zu protestieren. Ihr Mut, ihre Friedlichkeit und ihre schiere Menge waren es, die ein Blutvergießen verhinderten. Nach diesem breiteten sich die Bürgerproteste wie ein Flächenbrand in der ganzen DDR aus und stürzten schließlich die SED-Diktatur. Am 9. November 1989 fiel die Mauer in Berlin.

Doch 15 Jahre nach der Selbstbefreiung von der kommunistischen Diktatur gibt es auch besorgniserregende Entwicklungen: Viele Menschen glorifizieren angesichts aktueller Probleme die DDR in ihrer Erinnerung. Daraus entsteht ein trotziges Ost-Gefühl, das absurde Blüten treibt: Jugendliche tragen die Symbole der Unterdrückung tausendfach auf T-Shirts und Jacken. Im Versandhandel, in Souvenirläden und selbst im Shop des Deutschen Historischen Museums sind sie erhältlich. Das Signet des MfS auf Zollstöcken, das Emblem der SED auf Feuerzeugen; die Lieder von FDJ und Staatssicherheit auf CD gepresst: Woher kommt dieser unreflektierte, unkritische Umgang? Offenbar wird in der Schule zu wenig vermittelt, wird in den Elternhäusern zu vieles verklärt.

Ein Übriges taten „Ostalgie-Shows“, die 2003 auf fast allen Fernsehkanälen liefen. Doch „Ost“ ist kein „Kult“ – sondern “Ost“ steht für fast 40 Jahre SED-Diktatur. Die Shows, so hieß es aus den Redaktionen, würden nur den Alltag darstellen. Gemeint war, dass nur der auf den ersten Blick unpolitische Teil der DDR gezeigt werden solle. Es ist jedoch gerade ein Merkmal von Diktaturen, daß es in ihnen keinen unpolitischen Alltag gibt.

Die Friedliche Revolution von 1989 ist ein herausragendes Ereignis der jüngeren deutschen Geschichte. Doch je weiter die Ereignisse zurückliegen, umso mehr verschwimmen die Fakten. Daher ist es eine wichtige Pflichtaufgabe des Staates, Gedenkstätten zu erhalten, die an die SED-Diktatur erinnern, bürgerschaftliches Engagement, das sich um die Aufarbeitung bemüht, zu fördern und die politische Bildungsarbeit, vor allem auch an den Schulen, zu unterstützen.

Link: Institut für politische Bildung